Das Original · Peter Watson
Der deutsche Genius — und was er verrät.
In „Der deutsche Genius“ (engl. The German Genius, 2010) erzählt der britische Historiker Peter Watson den Aufstieg des deutschsprachigen Raums als Ideen- und Kulturgeschichte: von Lessing, Herder und Kant über Fichte, Schelling und Hegel, über Schopenhauer, Nietzsche und Marx bis zu Weber, Adorno und Habermas. Auffällig ist, was Watson immer wieder zeigt: Die schärfste Kritik am deutschen Wesen kam meist von den Deutschen selbst.
Lesen wir das Buch nicht nur als Galerie von Genies, sondern als Geschichte von Systemen, so zeigt sich ein Muster: Der deutsche Erfolg beruht darauf, ein komplexes Problem in kleinste, logische Einzelteile zu zerlegen, die Gesetzmäßigkeiten zu finden und daraus eine Struktur zu bauen, die nicht mehr vom einzelnen Genie abhängt. Das ist unsere Lesart, nicht Watsons These — und sie ist der Punkt, an dem das „Afro-“ ansetzt. Zehn Beispiele, erzählt im Stil des Journals:
Fünf Muster in zehn Beispielen: Zerlegen (1, 4) · Delegieren (2) · Institutionalisieren (3, 5, 10) · Standardisieren (6, 7, 8) · Rahmen setzen (9)
01
Muster · Zerlegen
Arminius, 9 n. Chr. — Der Wald als Methode
Teutoburger Wald, 9 n. Chr. Es regnet, die Wege sind eng, und drei Legionen ziehen in einer Reihe, die für das offene Feld gebaut wurde.
Arminius kannte Rom von innen: Er hatte im römischen Heer gedient und dessen Marschordnung gelernt. Er stellte die Frage, die ein System verrät: Wo wird seine Stärke zur Schwäche? Die Antwort lag im Gelände. Er zerlegte den einen großen Kampf in hundert kleine, in Hinterhalte entlang einer kilometerlangen Kolonne. Kein Krieger musste das Ganze überblicken, jeder musste nur seinen Teil können.
Der Sieg war kein Geistesblitz, sondern eine saubere Analyse des Gegners.
Wer das System des anderen von innen versteht, braucht nicht mehr Macht, sondern die richtige Frage.
02
Muster · Delegieren
Auftragstaktik — Das Was ohne das Wie
Preußen, nach 1806. Eine Armee ist zusammengebrochen, weil sie auf Befehle wartete, die nie rechtzeitig kamen.
Die Reformer um Scharnhorst und Gneisenau, später Moltke, zogen daraus den Schluss: Im Nebel des Krieges versagen starre Befehle. Also gibt die Führung nur Ziel und Zweck vor. Das Wie entscheiden die, die vor Ort stehen und die Lage sehen.
Man würde das heute Agilität nennen. Sie ist ein deutsches Erbe und älter als jedes Scrum-Board.
Das Gegenmittel zur Starre steckt im deutschen Denken selbst. Man muss es nur wieder benutzen.
03
Muster · Institutionalisieren
Der Große Generalstab — Genie als Struktur
Berlin, 19. Jahrhundert. Im Saal liegt eine Karte, kein Feldherr steht davor, aber zwanzig Offiziere.
Preußen hatte erlebt, was es heißt, sich auf ein Genie zu verlassen: Friedrich der Große siegte, seine Nachfolger nicht. Also baute man das Genie nach. Offiziere wurden einheitlich ausgebildet und spielten im Kriegsspiel jeden denkbaren Fall im Voraus durch. Gelernt wurde am Modell statt im Ernstfall.
Der Erfolg hing nicht mehr an einem Kopf, sondern an einem Verfahren.
Ein System ist die institutionalisierte Demut vor der eigenen Fehlbarkeit.
04
Muster · Zerlegen
Schmeling gegen Louis, 1936 — Der Kampf als Muster
New York, 19. Juni 1936. Im Ring steht ein Deutscher, der seinen Gegner Runde für Runde gelesen hat.
Max Schmeling und sein Team studierten die Kampfweise von Joe Louis, dem scheinbar Unschlagbaren, und fanden ein Muster: Nach dem linken Jab sank Louis’ Hand und ließ das Kinn offen. Schmeling musste im Ring nicht kreativ sein, er musste das Muster abrufen. In der zwölften Runde ging Louis zu Boden, zum ersten Mal in seiner Profikarriere.
Die Propaganda machte den Sieg zum Triumph des Regimes. Schmeling trat der NSDAP nie bei, pflegte aber ein bequemes Verhältnis zur Macht. Zwei Jahre später, am 22. Juni 1938, kehrte Louis zurück und schlug ihn in 2 Minuten und 4 Sekunden der ersten Runde. Ein entdecktes Muster lässt sich auch wieder schließen.
Lernen ist keine Frage der Herkunft. Es ist die Bereitschaft, das eigene Muster zu sehen. Journal: Jesse Owens, Berlin 1936.
05
Muster · Institutionalisieren
Humboldts Universität, 1810 — Forschung als Institution
Berlin, 1810. Eine Universität wird gegründet, in der die Lehrenden forschen und die Lernenden mitforschen.
Wilhelm von Humboldt verband Forschung und Lehre, und die Universität wurde zur Werkstatt des Wissens, mit Seminar, Labor und Doktorand. Wissen entsteht seither nicht mehr zufällig bei Einzelnen, sondern verlässlich in einer Einrichtung.
Der Preis: Eintreten darf nur, wer die Tür kennt. Anton Wilhelm Amo hatte sie ein Jahrhundert zuvor in Halle, Wittenberg und Jena durchschritten, als Ausnahme und als Exponat zugleich.
Eine Institution macht Wissen verlässlich. Sie entscheidet aber auch, wer hinein darf. Journal: Anton Wilhelm Amo.
06
Muster · Standardisieren
Liebigs Labor — Vom Geheimwissen zum Praktikum
Gießen, um 1830. Ein Student hält einen Glasapparat in der Hand, der fünf Kugeln trägt.
Justus von Liebig machte aus der Chemie, die lange Alchemie und Meisterwissen war, einen Lehrgang. Der Kaliapparat erlaubte es, den Kohlenstoff in organischen Stoffen zuverlässig zu bestimmen, und das Laborpraktikum zerlegte die Analyse in Schritte, die jede und jeder lernen konnte.
Das Wissen lag nicht mehr im Kopf eines Meisters, sondern im Ablauf. Daraus wuchs eine Generation von Forschenden und eine ganze Industrie.
Was sich lehren lässt, lässt sich vervielfältigen. Das ist die Grundformel aller Bildung.
07
Muster · Standardisieren
Die DIN-Norm, 1917 — Interoperabilität als Prinzip
Berlin, Dezember 1917. Im Krieg passt keine Schraube zur anderen Mutter.
Jeder Hersteller hatte eigene Gewinde, eigene Maße und eigene Werkzeuge, und Reparaturen scheiterten am Chaos, nicht an der Technik. Am 22. Dezember 1917 wurde der Normenausschuss der deutschen Industrie gegründet, und am 1. März 1918 erschien die erste Norm: DIN 1, die den Kegelstift regelt, ein kleines Teil, das Maschinen zusammenhält.
Wer sich an die Norm hält, kann mit allen zusammenarbeiten. Das ist die zweite Seite: Wer die Norm setzt, bestimmt, wer anschlussfähig ist.
Normen sind Brücken. Sie sind auch Türen, und jemand hält den Schlüssel. Journal: Gender Shades, 2018.
08
Muster · Standardisieren
Haber-Bosch — Die Großanlage, die sicher sein muss
Oppau, 1913. Ein Reaktor steht unter hohem Druck und hoher Hitze, und der Wasserstoff macht den Stahl brüchig.
Fritz Haber hatte im Labor gezeigt, dass sich Ammoniak aus dem Stickstoff der Luft gewinnen lässt. Carl Bosch machte bei der BASF ein Verfahren daraus: 1913 ging in Oppau die erste Anlage in Betrieb. Er konstruierte Apparate, Ventile und Kontrollsysteme, die Sicherheit und Gleichmäßigkeit garantieren, damit auch Ungelernte sie bedienen können. Das System sollte nicht auf Vorsicht hoffen, es sollte sie erzwingen.
Aus dem Ammoniak wurde Dünger, der heute einen großen Teil der Weltbevölkerung ernährt. Aus demselben Verfahren wurde im Krieg Sprengstoff. Systeme sind mächtig, aber sie sind nicht moralisch.
Das System löst das Problem, das man ihm stellt. Welches Problem man stellt, bleibt eine menschliche Entscheidung.
09
Muster · Rahmen setzen
Erhards Marktwirtschaft, 1948 — Spielregeln statt Plan
Westdeutschland, 20. Juni 1948. Über Nacht füllen sich die Schaufenster.
Mit der Währungsreform hob Ludwig Erhard die Preisbindung weitgehend auf. Er stützte sich auf die Freiburger Schule: Freiheit funktioniert nur, wenn es feste Regeln gibt, Wettbewerb, Rechtssicherheit, einen Staat, der den Rahmen setzt, aber nicht mitspielt. Die Planwirtschaft erzeugt Mangel, der ungezügelte Markt soziale Härte, dazwischen liegt eine Ordnung, die dem Einzelnen Anreize gibt.
Zum Rahmen gehörte auch Hilfe von außen: Im Londoner Schuldenabkommen vom 27. Februar 1953 wurde die zurückzuzahlende Summe der westdeutschen Auslandsschulden um etwa die Hälfte gesenkt, und die Rückzahlung war an Exportüberschüsse gebunden und auf einen Bruchteil der Exporterlöse begrenzt.
Ein Rahmen gibt Freiheit. Wem er sie gibt, hängt davon ab, wer ihn zieht. Journal: Wer wurde entschädigt?, 1833.
10
Muster · Institutionalisieren
Das duale System — Das Handwerk wird Wissenschaft
Eine Lehrwerkstatt, ein Klassenzimmer, ein Prüfungsausschuss. Am Ende steht ein Zertifikat, das überall gilt.
Das duale System verbindet Betrieb und Berufsschule. Jedes Berufsbild hat einen bundesweit einheitlichen Rahmen, der festlegt, was gelernt werden muss. So wird das Handwerk, das früher von Meister zu Geselle weitergegeben wurde, zu einem Curriculum, das sich prüfen und vergleichen lässt. Es sichert die Qualität („Made in Germany“), ohne dass alle Akademikerinnen und Akademiker sein müssen.
Die Kehrseite: Wer den Rahmen nicht kennt, kommt nicht hinein. In vielen afrikanischen Ländern dagegen läuft die Berufsbildung vor allem informell, als Lehre ohne Zertifikat und mit viel Anpassungskraft, im kenianischen Jua Kali ebenso wie im Gemeinschaftsprinzip des Ubuntu. Hier treffen sich beide Welten.
Das duale System macht Exzellenz demokratisch. Der afro-deutsche Genius macht sie lebendig.
Das Ergebnis ist die Konstruktion des unfehlbaren Systems: Das System ist die Antwort auf das Wissen um die eigene Fehlbarkeit — Teamwork, zur Perfektion getrieben. Es braucht kein Seminar, wenn die Struktur das Lernen schon enthält.